Wilfried Eckstein

Goethe-Institut Thailand



Der Titel der Ausstellung verweist auf die Anfänge des Projekts, gleichermaßen die Motivation der sieben Künstlerinnen und Künstler. Sich kennen lernen und gegenseitig mit den eigenen Kunstwerken vorstellen ist Weg und Ziel zugleich. „Coming Closer“ ist kein Slogan für den Kunstmarkt und läutet keinen Verkaufsschlager auf dem Kunstmarkt ein. Im Gegenteil, hier wird ganz unprätentiös angekündigt, was den deutschen und thailändischen Künstlern am Herzen liegt, nämlich auf einander zuzugehen, sich anzunähern.

Für die deutschen Künstler, Christine Falk, Dorine Crass, Doris Hinzen-Röhrig und Hermann Valentin Schmitt ist Thailand eine wichtige Station ihrer lebenslangen Suche nach Erweiterung der künstlerischen Grenzen geworden, teilweise sogar gelegentlicher Lebensmittelpunkt. Für die thailändischen Künstler ist Deutschland durch die Freundschaft zu den vier Deutschen näher gerückt. Wasinburee Supanichvoraparch kennt Deutschland sogar sehr gut aus eigener Anschauung. Er hat zehn Jahre in der „dokumenta“- Stadt Kassel Freie Kunst studiert. Ihm und seiner Familie, die ihrerseits in beiden Kulturen beheimatet ist, verdanken wir, dass den vier deutschen Kollegen Thailand eine zweite, künstlerisch inspirierende Heimat geworden ist. Er baute auch Panchalie Sathirasas und der Dichterin Chamongsri Rutnin Brücken zu diesem Projekt mit seinen Begegnungen, Gesprächen und diversen Wegen der Zusammenarbeit.

Jeder Aufenthalt in der fremden anderen Kultur kann berauschend sein; aber er birgt auch Momente bestürzender Selbsterkenntnis. Diese Erfahrungen, dass alles anders sein kann, als man es gewohnt ist, hinterlässt Spuren tiefer Verunsicherung. Solche Erschütterung ist es, die sich die Kunst zunutze macht. Sie treibt den Künstler zur Suche nach authentischen Formen des Ausdrucks seines Erlebens. Für mich, den Betrachter erschließt sich das durch Farben, Formen, Themen und letztlich ein frisches Verständnis von Schönheit und Ästhetik.

Das Leben im anderen Land ist eine Zumutung im herausfordernden wie bedrohlichen Sinne. Das Leben in Deutschland, in einem Land der vier Jahreszeiten, kann eine farbliche und atmosphärischen Inspirationen sein. Es ist bestimmt aber auch ein Schock, durch die Entfremdung von dem, was dem Thailänder so wertvoll ist, Familie, Freunde und das thailändische Essen.

Existentielle Erfahrung findet im einsamen Auslandsleben eine extreme Verdichtung, setzt aber das Ausland nicht voraus. Allerdings ist die Haltung des Künstlers offen für das Fremde und bereit, ihre Tiefen auszuloten. Tatsächlich ist Kunst das Ergebnis eines starken subjektiven Willens zur Erfahrungstiefe und ihrem adäquaten Ausdruck.

Dabei hat sich in diesem Projekt gerade auch in Hinblick auf die Unterschiede der Lebens- und Kulturvorstellungen – der buddhistischen Tradition im thailändischen Kontext, der christlich-aufklärerischen andererseits – herausgestellt, dass es Gemeinsamkeiten gibt. Die Subjektivität des Kreativprozesses ist hier wie dort präsent. Ein starker Wille, frei zu gestalten, ist den sieben Kreativen eigen. Jeder für sich stellt seine Sicht von Welt dar, entwickelt seine künstlerische Sprache, seine eigene Ästhetik. Der subjektiv Schöpferische bemisst den Grad der Vollendung des Werks am wahrhaften Ausdruck der eigenen Innensicht. Natürlich geht es nicht um Trends und Modeerscheinungen, sondern um das menschliche Einfühlungsvermögen und die bewusste Wahrnehmung. Darin gründet auch die Verständigungsmöglichkeit der Künstler untereinander, sich im Medium der Kunst zu Emotion und Empfindung auszutauschen. Besinnung, die wir als Gebet oder kritisch-reflexiven Geist kennen, nimmt für die beteiligten Künstlerinnen und Künstler im thailändischen Kontext meditative Züge an. Die Wendung zum künstlerischen Ausdruck hinterlässt allerdings eine Vielfalt von unterschiedlichen individuellen Positionen.

Coming Closer ist eine gelungene Annäherung. Sie dauert schon lange und wird hoffentlich noch lange weiterleben. Der Anspruch, gemeinsam eine Ausstellung zu zeigen, weiß um die Erkenntnis, dass Verständigung schrittweise und nur im gegenseitigen Respekt für den Anderen und die Kultur des Anderen gelingt.